Radeln und Rasen

Wie sich ein sportliches Reiserad fährt

Mit diversen Taschen bestücken
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Mit Sack und Pack auf zu neuen Ufern: Das Tout Terrain Blueridge GT lässt sich mit diversen Taschen bestücken.

Reiseräder sind stabile Gefährten, die viel Gepäck aushalten und auf langen Touren bequem sein müssen. Für Qualität und Funktionalität muss man oft tief in die Tasche greifen - ein Fahrbericht.

Berlin - Reiseräder sind ein Gegenentwurf zum Alltagsrad - allein schon, weil das Reisen nicht alltäglich, sondern eine Auszeit ist. Technisch übersetzt heißt das: Reiseräder haben eine gestreckte Rahmengeometrie, die für Laufruhe und günstige Gewichtsverteilung auch dann sorgt, wenn viel Gepäck an Bord ist.

Möglichst viele Extrakilos sollten mitfahren dürfen, ohne dass die Fuhre unterwegs ins Schlingern kommt. Mit City- und Tourenrädern sind Wochenendtrips mit leichtem Gepäck möglich. Reiseräder qualifizieren sich mit ihrer Packesel-Mentalität für lange Touren.

Es gibt vom Mountainbike abgeleitete Reiseräder, die dank breiter Profilreifen auch jenseits asphaltierter Wege noch durchkommen. Oder solche, die sich auf den ersten Blick kaum von einem Trekkingrad unterscheiden. Und es gibt die vom Rennrad abgeleiteten Klassiker für möglichst glatten Untergrund, Randonneure genannt. In dieser Tradition steht auch das Modell Blueridge GT der deutschen Manufaktur Tout Terrain.

- Der Einsatzzweck: GT steht für Gran Turismo, für schnelles Reisen über lange Distanzen, sagt Geschäftsführerin Stephanie Römer. Mit einer Einschränkung: Der Untergrund sollte befestigt sein. Auf der Website preist der Fahrradhersteller mit Sitz in Gundelfingen das Blueridge GT als „Performance-Asphalt-Tourer“ an.

- Die Technik: Schon der Lenker zeigt: Tempo ist Trumpf. Der Rennlenker erinnert nicht nur an die ersten historischen Reiseräder. Man kann in den Unterlenker greifen und die bessere Aerodynamik nutzen.

Wichtiger dürften die verschiedenen Griffpositionen sein. „Sie können den Lenker mittig greifen, vorn und unten“, sagt Römer. Diese Abwechslung sei unter ergonomischen Gesichtspunkten wichtig. Gleiches gilt für die leicht gebückte Sitzhaltung auf dem langen Rahmen. Diese ist nicht nur rückenschonend, sondern sorgt gegenüber einer aufrechten Position auch für bessere Kraftausbeute.

Herzstück des Blueridge, benannt nach der langen Panoramastraße Blue Ridge Parkway im Osten der USA, ist der Rahmen. Gefertigt aus Stahl sei das Gerüst nicht nur verwindungssteif, sondern auch komfortabel. „Stahl ist weicher und nicht so starr wie Alu oder Carbon“, sagt Römer. Auf langen Etappen spüre man den Unterschied. Hinzu komme, dass Stahl sich unkompliziert reparieren lasse: „In Ostasien oder Indien gibts in jeder Garage ein Schweißgerät.“

- Der Fahreindruck: Das Fahrrad ist die Ruhe selbst. Es rollt fast stoisch ab, beweist Spurtreue. Testweise freihändig zu fahren, macht den Vorbau nicht nervös. Dabei fühlt es sich leichtfüßig an, wenn auch aufgrund der Länge etwas weniger wendig. Schon ohne Gepäck liegt das Blueridge GT gut auf der Straße - obwohl es dank leichtem Rahmenset nicht sonderlich schwer ist (circa 15,5 Kilo). Mit Sack und Pack scheint es mit dem Untergrund zu verschmelzen. Gewichtsreduktion steht bei einem Reiserad, das wie das Blueridge für ein zugelassenes Gesamtgewicht mit Fahrer und Zuladung von 180 Kilo konstruiert ist, nicht im Vordergrund.

- Gleiches gilt für die Bequemlichkeit: Die dämpfenden Eigenschaften von Stahl als Rahmenwerkstoff sind unbestritten. Doch wie bei einem sportlichen Auto ist der Komfort nicht die erste Eigenschaft. Andererseits fährt sich das Blueridge weicher, als man es erwarten würde.

Die 37 Millimeter breiten Reifen rollen dank glatter Lauffläche auf Asphalt widerstandsarm. Auf Schotter sorgen die seitlichen Stollen für Halt, vor allem in Kurven. Etwas ruppigere Oberflächen verdaut das Reiserad also gut, Waldwege mit Wurzelwerk weisen es in seine Grenzen.

Handgelenkschonende Dämpfungseigenschaften am Testrad liefert die dicke Lenkerumwicklung (plus 19 Euro). Der Sattel ist dagegen hart und muss eingefahren werden, was für Reiseräder typisch ist. Denn ist die Sitzfläche zu weich und flexibel, kann das zu Wundsein führen.

Hart aber fair: Der Sattel hat keine Geleinlagen, sondern muss eingefahren werden - was für Reiseräder typisch ist. Denn ist die Sitzfläche zu weich und flexibel, kann das zu Wundsein führen.

- Ausstattung, Zubehör, Peripherie: Konzeptbedingt besitzt die Gabel keine Federung. Denn Federgabeln mit Gepäckaufnahmen gibt es kaum. Dass Packtaschen an der Vordergabel an sogenannten Lowridern angebracht werden können, zählt aber zur DNA eines Reiserads.

Zum einen braucht es auf langen Reisen viel Stauraum, zum anderen einen Gewichtsausgleich zum Gepäck am Hinterbau, der mit 40 Kilo belastet werden darf. Damit dort die Taschen die Fahrstabilität nicht beeinträchtigen, ist der hintere Gepäckträger fest mit dem Rahmen verschweißt. Am Blueridge ist ein Edelstahl-Rack angebracht, an dem die Taschen schwerpunktgünstig etwas tiefer und weiter hinten hängen, um die Fersenfreiheit zu vergrößern. Zudem besitzt des Rack optional Aufnahmepunkte für Taschen vom Hersteller Ortlieb.

Fest mit dem Rahmen verschweißt: Der hintere Gepäckträger ist für ein Gewicht von 40 Kilo zugelassen. Am Blueridge ist zudem ein Edelstahl-Rack angebracht. Daran können die Taschen schwerpunktgünstig etwas tiefer und weiter hinten hängen, um die Fersenfreiheit zu vergrößern.

Der Rahmen bietet Montagepunkte für vier Flaschenhalterungen und einen Anschraubpunkt für ein Rahmenschloss. Der Stahlrahmen selbst kann geöffnet werden, falls man sich das Blueridge mit Carbonriemen konfiguriert - denn dieser kann zur Montage anders als eine Kette nicht selbst geöffnet werden. Vorgerüstet ist der Rahmen auch für eine Getriebeschaltung. Doch am Testrad war Shimanos Gravel-Schaltung GRX montiert: zwei Kettenblätter mit 46 und 30 Zähnen vorn, eine Kassette hinten mit elf Ritzeln (11 bis 34 Zähne).

Zähne zeigen: Am Testrad ist Shimanos Gravel-Schaltung GRX montiert, deren Kassette Ritzel mit 11 bis 34 Zähnen bietet. Für leichte Berggänge ist ebenso gesorgt wie für hoch übersetzte Geschwindigkeitsstufen.

Die Schaltung arbeitet sauber und schnell, die Übersetzungsbandbreite ermöglicht leichte Berggänge sowie hoch übersetzte Stufen für die postulierten GT-Eigenschaften. Diese unterstreichen auch die großen 28-Zoll-Räder und die Pedale mit Klickpedal-Option, mit der die Beinkraft effizienter eingebracht werden kann. Wem Wartungsarmut auf Reisen besonders wichtig ist, konfiguriert das Rad am besten mit Zahnriemen und verkapselter Getriebeschaltung von Pinion, muss dann aber tiefer in die Tasche greifen.

- Der Preis: Fahrräder von Tout Terrain sind teuer. Der kleine Hersteller fertigt von Hand und plant für das Gesamtjahr 2021 mit nur 2000 Fahrrädern in allen Modellreihen. Das Testrad kostet 4653 Euro. Es ist mit Extras wie einem High-End-Beleuchtungs-Kit inklusive Nabendynamo von SON (559 Euro), einer praktischen Lenkerblockierung, die verhindert, dass das beladene Vorderrad umschlägt (49 Euro) oder dem Allwettersattel von Brooks (99 Euro) bestückt. Der Basispreis des Blueridge GT liegt bei 3090 Euro.

- Das Fazit: Wer seine Radreisen entlang von gut ausgebauten Wegen plant und dabei Tempo und solides Dahingleiten liebt, ist mit dem Blueridge GT gut beraten. Die hohe Fertigungsqualität, die hochwertigen Komponenten und das durchdachte Gesamtkonzept versprechen Langlebigkeit - die ihren Preis hat. dpa

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