Bauerfeind – Die Show zur Frau, ARD

Alles nur Lüge? Katrin Bauerfeind offenbart merkwürdiges Weltbild

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Katrin Bauerfeind hat eine One Woman Show in der ARD.
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Katrin Bauerfeind verhebt sich in ihrer Personality-Show beim Thema „Lüge und Wahrheit“ – und offenbart nebenbei ein geradezu besorgniserregendes Weltbild.

Katrin Bauerfeind hat sich mit viel Geduld und harter Arbeit eine eigene Nische im Hauptprogramm der ARD erkämpft. Und ihre Show, wie der Name schon trotzig verkündet, steht ganz im Zeichen ihrer Persönlichkeit: eine eigenwillige Barhocker-Couch-Kombi, die Beleuchtung einer 70er-Jahre-Roller-Disco, das Publikum an silbernen Bistro-Tischen – das ist alles ziemlich einmalig in der derzeitigen deutschen Talk-Landschaft. 

Aber das entspricht eben der faszinierenden Persönlichkeit der Gastgeberin: Bauerfeind ist als ehemalige „Ehrensenf“-Ikone die erste deutsche TV-Moderatorin, die im Internet bekannt wurde. Zusammen mit Böhmermann ist sie auch praktisch die einzige Persönlichkeit im gesamten deutschen TV-Betrieb, die die U40-Flagge hochhält. (Ja, sogar die Talk-Nachwuchshoffnung Dunja Hayali ist 45.)

ARD-Show: Die One Woman Show der Katrin Bauerfeind

Eine ganze Show so bedingungslos auf die Persönlichkeit ihrer Moderatorin zuzuschneiden, hat seine Vorteile. Bauerfeind darf mit einer entkörperlichten Studio-Stimme Streitgespräche halten, sie darf herrlich patzige Sprache benutzen („Der hat bei Günter Jauch schon eine Mio gezockt“), sie darf einen diffus-konfus-komischen Anfangsmonolog über das Thema halten, sie darf auch mal „Scheiße“ murmeln, wenn ihr danach ist – und sie darf diese seltenste aller Eigenschaften im deutschen Fernsehen vorleben: Selbstironie. All das ist eine wunderbare Bereicherung für die schrecklich überalterte hiesige Medienlandschaft.

Aber es hat auch seine Nachteile, wenn man eine One Woman Show betreibt. Zum Beispiel, dass man seine haarsträubenden persönlichen Vorurteile zu einem Thema wie „Lüge oder Wahrheit – Die Wahrheit übers Schwindeln“ nicht zurückhalten kann oder will. Und Katrin Bauerfeind hat ein derart grotesk-finsteres Weltbild zu diesem Thema, dass man sich zwischendrin ernsthaft fragt, ob man sich Sorgen um die junge Frau machen muss.

TV: Ist die Lüge nötig? Katrin Bauerfeind findet schon

Über die gesamte Sendung* hinweg scheint sie das Lügen weniger zu verteidigen als vielmehr als unbestreitbare Grundlage der zwischenmenschlichen Kommunikation vorauszusetzen. Als Kai Wiesinger, sichtbar vor Lebenserfahrung sprühend, zu Bedenken gab, dass frühe und unbedingte Ehrlichkeit auf lange Frist viel stabilere persönliche und geschäftliche Beziehungen aufbaut als unehrliche Heuchelei (und dabei nach jedem Satz tosenden Applaus bekommt), da starrt Bauerfeind ihn an, als wäre er ein exotisches Zootier. 

Aber bald beschließt sie, ihn einfach zu ignorieren und munter weiter ihre Fragen mit pechschwarzer Grundvoraussetzung zu stellen: Aber wenn die Frau fragt, ob sie hübsch ist, dann muss man sie doch anlügen, oder? Und „Kindererziehung ist ja eine einzige Lüge“, oder? Im Gespräch mit der Journalistin Anja Reschke sagt sie dann auch noch, dass ein Politiker doch natürlich von niemandem gewählt werden würde, wenn er nicht in einem fort lügen würde.

Journalisten - alles prekäre Versager?

Wer sich angesichts solcher Aussagen Sorgen macht, dass Katrin Bauerfeind tatsächlich denkt, dass das demokratische Politsystem nur auf Lügen basiert; dass man Kinder wirklich vom Weihnachtsmann vorlügen muss, damit sie einen lieben; und dass man nur Beziehungen führen kann, indem man sich anlügt... der wird haarsträubenderweise sofort bestätigt. In einem grotesken Einspieler (der wohl komisch sein soll, aber stattdessen zutiefst beunruhigend ausfällt) wird ein „ehrlicher Tag“ in Bauerfeinds Leben dargestellt. 

Darin werden all ihre defätistischen Vorurteile aufs Übelste bestätigt: in vier kleinen Episoden verliert man erst alle Instagramm-Follower, wenn man nicht künstlich dauer-gutgelaunt ist; wird man von der Polizei rabiat schlechter behandelt, wenn man sie nicht anlügt (?!); muss man Journalisten gegenüber dauernd lügen, weil sie alle unvorbereitete prekäre Versager sind; und selbst die eigenen Freunde stellen sich allesamt als falsche Schleimer und Heuchler heraus, wenn man nur mal ehrlich wäre. Liebe Katrin Bauerfeind, ganz unter uns: Ist alles in Ordnung?

ARD: Hätte man Katrin Bauerfeind in den Arm nehmen müssen?

Am Ende darf der Psychologe Dr. Leon Windscheid noch eine Art Standup mit Publikumsbeteiligung machen, in dem er erschreckend unlustig so simple psychologische Konzepte wie den inneren Schweinehund, die Prokrastination und die „delayed gratification“ erklärt. Zu einem eigentlichen Gespräch über das Thema kommt es aber auch danach nicht. Kai Wiesinger wird da auch längst nicht mehr gefragt. 

Er wäre vielleicht der einzige gewesen, der der Moderatorin hätte erklären können, dass zwischenmenschliche Beziehungen möglich sind, die auf gegenseitiger Offenheit beruhen; dass die Wahrheit in den Händen eines wirklich inspirierenden Politikers oft die schärfste Waffe überhaupt ist; dass man durchaus Kinder großziehen kann, ohne sie an jeder Ecke anzulügen oder ihnen Märchen zu erzählen; und dass, ja, manche Menschen wirklich nett sind, auch wenn sie ehrlich sind. Ganz ungelogen. Und dann hätte er Katrin Bauerfeind vielleicht noch in den Arm nehmen sollen.

Von D.J. Frederiksson

*fr.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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