„Markus Lanz“, ZDF

Bei aller Vortäuschung von Inhalt: Lanz macht bei einem Thema einen Punkt

+
Die Runde bei Markus Lanz: Christian Rach, Tilman Kuban, Eva Quadbeck und Hartmut Idzko (v.l.n.r.).
  • schließen

Der Dokumentarfilmer Hartmut Idzko berichtet bei Markus Lanz, wie wir von chinesischen Zwangsarbeitern profitieren. Ein Beispiel: Lichterketten.

Talkshows sind nicht zu Unrecht in Verruf geraten wegen ihrer pseudo-demokratischen Inszenierungen, und Markus Lanz hat da einiges auf dem Kerbholz, was die Vortäuschung von Inhalt und Bedeutung, das Vorspielen von Res Publica angeht – vor allem, um mit Gäste-Zitaten in anderen Medien die Quote hochzuhalten. So begann es auch am Dienstagabend mit dem üblichen Polit-Geplänkel: Lanz hatte Tilman Kuban zu Gast, seit kurzem Vorsitzender der Jungen Union. Er hatte, wohl dem Amtsverständnis entsprechend, mit starken Worten auf sich aufmerksam gemacht, als er die Führung der Partei im Allgemeinen, und der Vorsitzenden im Besonderen infrage stellte.

Darauf wollte ihn Lanz in seiner üblichen inquisitorischen Methode nun festnageln. Aber Kuban kniff. Er wollte seine Aussagen weder als Kritik an Parteichefin Kramp-Karrenbauer noch an Kanzlerin Merkel gewertet wissen. Und nicht einmal für seinen Favoriten Friedrich Merz wollte er sich klar aussprechen. Das war schon etwas peinlich und erinnerte doch an das Bild von Tiger und Bettvorleger.

Dokumentarfilmer Hartmut Idzko bei Markus Lanz

Relevanz gewann die Sendung erst kurz vor dem Ende, längst nach halb eins. Da berichtete der Dokumentarfilmer Hartmut Idzko, früher für die ARD auch als Asien-Korrespondent tätig. Er hatte eine Arbeit mitgebracht, die laut Lanz „schon ein paar Tage alt“ war. Tatsächlich entstand der Film „Laogai – Zwangsarbeit in China“ schon 2014 / 2015.

Unsere aktuelle TV-Kritik: „Halbzeit für die GroKo - viel erreicht, viel versäumt?“, fragt Anne Will in der ARD – und tappt in dieselbe Falle wie die meisten deutschen Moderatoren.

Der Journalist berichtet in seinem Film von chinesischen Arbeitslagern, in denen zu vier Millionen Zwangsarbeiter inhaftiert sind. Sie müssen unter Bedingungen, die nicht menschenwürdig sind, Billigprodukte herstellen – auch für den europäischen Markt. Es gebe praktisch in jeder großen Stadt in China solche Lager. Die Ausschnitte zeigten die Herstellung von Spielzeug oder Kleidern, zudem die Lager selbst. Ehemalige Inhaftierte berichten Schreckliches: Eine alte Frau aus Tibet erzählt, sie hätten immer Hunger gehabt, und die daran nicht gestorben seien, hätten ihre Schuhe gegessen.

China als Thema bei Markus Lanz

China war ja seit Mao stets eine Partei-Diktatur, und daran hat sich nichts geändert, auch wenn das Land inzwischen enorme Fortschritte gemacht hat. Aber der wirtschaftliche Aufschwung wurde eben mit Unterdrückung erkauft. Die staatliche Überwachung ist allgegenwärtig, und es genügt schon „aufzufallen“, etwa durch Trunkenheit, und Polizei sperre einen weg, berichtet Idzko. Neben den Lagern gebe es auch „schwarze Gefängnisse“, in die Menschen ohne Urteil oft über Wochen eingesperrt werden. Dort müssen sie ebenfalls arbeiten, und am Erlös der Produkte halten sich Wärter und Polizisten schadlos.

Wie im Kleinen, so funktioniert es auch im Großen, der staatlichen Wirtschaft. „Es ist so, dass China mit diesen Zwangsarbeiterlagern richtig kalkuliert“, erläuterte der Filmemacher. So wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 200 Milliarden Euro zwischen China und Deutschland umgesetzt.

Thema bei Markus Lanz: Lichterketten werden von Zwangsarbeitern in China produziert

Ein gerade in der Vorweihnachtszeit und für uns relevantes Bespiel sind Lichterketten. Auch sie werden von Zwangsarbeitern fabriziert. Der US-Amerikaner Stuart Foster saß acht Monate in einem Lager und musste dort nach eigenen Angaben bis zu 10000 Stück am Tag zusammenstecken. Fröhliche Weihnachten, möchte man da (nicht mehr) sagen.

Idzko war auf das Thema durch einen Exilchinesen gekommen, Harry Wu, der in Washington ein kleines Museum über die Zwangsarbeit eingerichtet hat. Von ihm stammen auch viele der verwackelten Aufnahmen aus den Lagern. Er hatte 20 Jahre in Haft gelitten und wanderte später in die USA aus. Dann kam er als amerikanische Staatsbürger zurück, gab sich als Geschäftsmann aus und dokumentierte die Zustände in den Lagern. So wie Wu sind die Insassen dort oft Intellektuelle, Künstler, Autoren oder Juristen, die Klienten verteidigt haben die als Staatsfeinde galten. Wer verhaftet wird, müsse gestehen, um Schlimmeres als die Haft zu vermeiden, berichtet Idzko. Danach würden die Delinquenten dann in Fernsehshows vorgeführt.

Deutsche Wirtschaft betreibt glänzende Geschäfte mit Unrechtsregime in Beijing

Dies alles ist bekannt – und doch zu unbekannt. So treibt die bundesdeutsche Wirtschaft glänzende Geschäfte mit dem Unrechtsregime in Beijing, und hier wird in Sonntagsreden verkündet, man habe die „Menschenrechtslage“ erörtert. Parteichef und Diktator Xi lacht sich dann wohl eins. Markus Lanz aber hat mit diesem Thema einen Punkt gemacht. Das könnten Talkshows eben auch sein: Platz für Dokumentationen, für die sonst in den öffentlich-rechtlichen Programmen immer weniger Platz ist (von den Privatsendern ganz zu schweigen).

Der Film von Hartmut Idzko ist noch zu sehen, auf der Seite seiner Produktionsfirma ist die ehemalige Arte-Sendung eingestellt.

Markus Lanz, ZDF, von Donnerstag, 5. November, 23.30 Uhr. Im Netz.

Von Daland Segler

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

"Bachelor in Paradise"-Teilnehmerin Carina Spack mit vielsagendem Post: Ist sie nun vergeben?

"Bachelor in Paradise"-Teilnehmerin Carina Spack mit vielsagendem Post: Ist sie nun vergeben?

Tanja Brockmann vom Schweiz-Bachelor im Interview: Diese Promis wollten mich bereits daten

Das deutsche Model und Playmate Tanja Brockmann ist in diesem Jahr beim Bachelor in der Schweiz zu …
Tanja Brockmann vom Schweiz-Bachelor im Interview: Diese Promis wollten mich bereits daten

Kommentare