„Ehrenpflegas“ stößt auf Zorn

Giffeys Ministerium schießt böses Eigentor mit Mini-Serie: „Verletzt Berufsethos“ - Corona-Helden entsetzt

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, kommt zu der Premiere der Mini-Video-Serie „Ehrenpflegas“ im Kino Delphi-Palast. Giffey hält ein Schild mit der Aufschrift „Ausbildungsoffensive Pflege“ in den Händen.
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Bundesministerin Giffey kommt zu der Premiere der Mini-Video-Serie „Ehrenpflegas“ im Kino Delphi-Palast.
  • Cindy Boden
    vonCindy Boden
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Die „Ehrenpflegas“ sind bei vielen durchgefallen. „Grauenhaft“ und „Schwachsinn“ ist das überwiegende Fazit in den Sozialen Netzwerken. Dabei sollte die Miniserie ein Anreiz für die Pflegeausbildung sein.

  • Junge Menschen für die Pflege begeistern: Das ist das Ziel der Ausbildungsoffensive des Familienministeriums.
  • Eine neue Miniserie im „Fack Ju Göthe“-Stil kommt da gar nicht gut an.
  • Mittlerweile läuft sogar eine Petition gegen die Serie „Ehrenpflegas“.

Berlin - Es sind fünf kurze, rund sechs-minütige Folgen einer Miniserie auf Youtube, die Familienministerin Franziska Giffey (SPD*) großen Ärger ins Haus bringen. „Ehrenpflegas“ ist das Stichwort, das aktuell viel Kritik und mittlerweile sogar eine Petition nach sich zieht. Seit gut einer Woche ist die Serie nun auf Youtube online und soll Anreize für den Pflegeberuf schaffen. Doch das gelingt in den Augen vieler Pflegerinnen und Pfleger ganz und gar nicht.

Kurz gesagt begleitet der Zuschauer zwei junge Frauen und einen jungen Mann in ihrem Alltag auf der Pflegeschule und im Praxisbereich. Junge Menschen dabei in ihrer Welt abholen, das ist das Ziel. Aber wie trifft man ihre Weltsicht? Mit „Fack Ju Göthe“?

„Ehrenpflegas“: Anreiz für die Pflege-Ausbildung schaffen - bekannte Gesichter sollen helfen

In genau diesem Stil sind die Videos jedenfalls gedreht. Für das Familienministerium entwickelt und produziert haben das Format „Zum goldenen Hirschen Berlin“ und „365 Sherpas“ in Zusammenarbeit mit „Constantin Television“. Die Schauspieler sind manchen vermutlich bekannt: Lena Klenke, selbst aus „Fack Ju Göthe“, Danilo Kamperidis, bekannt aus „How to Sell Drugs Online (Fast)“ sowie „Dark“-Darstellerin Lisa Vicari. Was sich Vicari mit den Videos erhofft: „Vor allem Aufmerksamkeit auf diesen Beruf zu legen und auch so ein bisschen Pflegekräften eine Bühne zu geben, um noch mehr Leute davon zu begeistern, diesen Beruf zu ergreifen“ , sagt die Schauspielerin im Rahmen eines kurzen Werbeclips für die Serie.

Anfang 2020 startete die neue Pflegeausbildung. Eine Ausbildungsoffensive soll dazu mehr Auszubildende anlocken. Die neuen Videos sind ein Teil davon. „Der Film ist nochmal zusätzlich eine Möglichkeit, auch junge Menschen auf unkonventionelle Weise anzusprechen“ , sagt Ministerin Giffey in dem Werbespot auf pflegeausbildung.net.

Mini-Serie zur Pflege: „Grauenhaft! Was soll hier vermittelt werden?“

Als unkonventionell bezeichnet Giffey die Videos vermutlich deshalb, weil sie keine fachlichen Aufzählungen von Hintergrundinformationen über die Ausbildung liefern, sondern vorrangig auf Komik und jugendlich empfundenen Sprachstil setzen. Für einige Pflegevertreter geht das jedoch viel zu weit.

In den sozialen Netzwerken häufen sich negative Postings. Betroffene in der Pflege fühlen sich „verarscht“. „Schwachsinn“ und „ein Schlag ins Gesicht aller beruflich Pflegenden“ seien die Clips. „Grauenhaft! Was soll hier vermittelt werden? Die Pflege ist ein Auffangbecken für bildungsferne Schichten?“, fragt eine Userin auf Youtube.

Tatsächlich stecken in den fiktiven Folgen nur wenig Fakten. Im ersten Clip zum Beispiel geht es kurz um die neue, generalistische Pflegeausbildung: „Also eins habe ich nicht verstanden: Also wenn du im Krankenhaus Kranken helfen willst, und du Kindern, und ich Alten, warum sind wir dann in einer Klasse?“ Ein Blick in ein Prospekt verrät Boris, dem Auszubildenden in der 1. Klasse auf der Pflegeschule: „Die generalistische Pflegeausbildung umfasst die Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege.“ Seine Reaktion: „Generalistisch, geil. General klingt geil, wie Panzergeneral.“

Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, sitzt bei der Premiere zu der Mini-Video-Serie „Ehrenpflegas“ in dem Kino Delphi-Palast. 

„Ehrenpflegas“: „Der große Reality Check“ zu den Folgen - Pflege attraktiv machen

Und auch beim Thema Ausbildungsvergütung geht Folge zwei nicht in die Tiefe. Boris‘ Frage: „Wie viel is‘n das?“ - „Über tausend.“ - „Was?! So viel krieg ich ja nicht mal, wenn ich 200 E-Zigaretten verkaufe“, entgegnet er fassungslos.

Zusätzlich zu dem Fünfteiler läuft auf Youtube auch eine Folge mit dem Titel „Der große Reality Check“, in dem zwei Auszubildende und eine Pflegefachkraft über die Inhalte der Folgen sprechen. Sie reden über ihren ersten Tag auf der Schule, ihr Verhältnis zu den Lehrern, aber auch über ihre ersten Todesfälle. Zum dritten Punkt heißt es bei den „Ehrenpflegas“: „Ein bisschen wie bei Game of Thrones“. Azubi Franz-Jakob Lorentz erklärt im Reality-Check: „Ich glaube, sie spielt auch so ein bisschen drauf an, mit „Game of Thrones“, weil man baut so eine gewisse Verbindung zu seinen Charakteren auf.“ In der US-amerikanischen Fantasy-Serie sterben immer wieder beliebte Persönlichkeiten.

Video: Pflegenotstand – eine Heidelberger Krankenschwester im Gespräch

Browser Ballet, ein Satire-Format von Funk, bringt die aktuelle Diskussion um die Pflege bei Twitter auf den Punkt. Mitarbeiter im Pflegedienst fordern immer wieder mehr Personal, mehr Geld und bessere Ausbildungsbedingungen. Zurück kommt mit „Ehrenpflegas“ eine Serie auf Youtube. Für viele, die täglich Schwerstarbeit leisten, wie sich in Corona-Zeiten mal wieder gezeigt hat, offenbar ein Schlag ins Gesicht

Auch Bundesverbände distanzieren sich. So verfehlt aus Sicht des Bundesverbands Pflegemanagement die Web-Miniserie „Ehrenpflegas“ ihr erklärtes Ziel, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und für die neuen Ausbildungsformen zu werben. „Die Serie spiegelt nicht im Ansatz das Berufsbild von Pflegefachpersonen wider. Vielmehr werden durch die dargestellten Berufsanforderungen Selbstverständnis, Berufsethos sowie Fachlichkeit der Profession verletzt“, sagt Sarah Lukuc, Vorstandsmitglied vom Bundesverband Pflegemanagement.

Die Petition fordert die „umgehende Einstellung der Ehrenpflegas-Kampagne“ sowie eine Stellungnahme von Giffey und Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU*) zu dem Projekt. Es stoße „berufsübergreifend auf Unverständnis“. Dienstagnachmittag hatten bereits über 10.500 Menschen unterschrieben. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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