Zwei Tote nach Amoklauf

Halle-Anschlag: Augenzeugen berichten schrecklichen Ablauf: „Er hielt mir die Waffe vors Gesicht“

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Augenzeugen berichten von dem Anschlag in Halle und über den Täter.
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    Richard Strobl
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Halle steht nach dem Anschlag von Täter Stephan B. unter Schock. Augenzeugen berichten nun von ihren Erlebnissen: Es zeichnet sich ein bestürzendes Bild ab.

Halle - Ein schwer bewaffneter Amokläufer hat am Mittwoch in Halle an der Saale zwei Menschen erschossen. Zwei weitere wurden schwer verletzt, sind aber mittlerweile außer Lebensgefahr. Der Angriff traf die Menschen in Halle völlig unvorbereitet. Die Berichte der Augenzeugen malen ein Bild des Schocks und des Grauens.

Das eigentliche Ziel des Täters Stephan B., dessen Identität mittlerweile bestätigt wurde, war eine vollbesetzte Synagoge. In diese konnte er jedoch nicht vordringen. Die knapp 50 Personen im inneren verbarrikadierten sich. Die jüdische Gemeinde feierte an diesem Tag den hohen Feiertag Jom Kippur, den Versöhnungstag. Gegen 12 Uhr Mittags versuchte Stephan B. sich Zugang zu der Synagoge zu verschaffen. Die Menschen im Inneren hören die Schüsse. Die solide Holztür hält dem Angriff stand. Dennoch sehen die Gemeindemitglieder einem Bericht der Bild nach die ganze Szene: Über Kameras, die die Eingänge überwachen und die Bilder ins Innere des Gotteshauses übertragen.

Halle-Augenzeugen berichten über Täter: „Tür mit Stühlen verbarrikadiert“

„Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde dem Blatt. 

Ein anderer Gläubiger im Innern erlebte die Szene so: „Wir beteten gerade. Plötzlich gab es einen Knall“. Danach sei Rauch in das Gebäude gestiegen, „wie nach einer Explosion“.

Die meisten der 50 Anwesenden versteckten sich dem Bericht nach im hinteren Teil der Synagoge. Eine Handvoll Männer blieb im vorderen Bereich: „Wir haben die Tür zum Gebetsraum mit Stühlen verbarrikadiert. Wir waren bereit, zu kämpfen“, berichtete einer von ihnen der Bild. Sie verständigten die Polizei und warteten auf Hilfe. Dennoch rechneten die Anwesenden nach eigenen Angaben damit, dass der Täter jede Sekunde ins Innere gelangen würde.

Halle: Zeuge beobachtet Mord an Passantin: „Die kam rein zufällig von der Straßenbahnhaltestelle“

Doch der Versuch des Täters die schwere Holztür mit Schüssen zu öffnen scheiterte. Anschließend versuchte Stephan B. offenbar sich Zutritt zu dem jüdischen Friedhof zu verschaffen. Dort beobachtete ein Passant die Szene. Direkt nach der Tat beschrieb er das Gesehene: „Da hat jemand versucht in den jüdischen Friedhof einzudringen. Also hat er mehrfach mit einer Schrotflinte auf die Friedhofstür geschossen. Dann kam noch eine Frau, die erschossen wurde. Die kam rein zufällig von der Straßenbahnhaltestelle - er hat sie mit einem Maschinengewehr erschossen. Er hat dann noch mehrfach versucht rein zu kommen mit der Schrotflinte und ist dann aber geflüchtet.“ Dann präzisiert er noch einmal: „Also er hat erst mit der Schrotflinte geschossen und dann das Maschinengewehr genommen.“

Den Täter selbst beschreibt der Augenzeuge wie folgt.: „Der war gekleidet wie ein Polizist - in totaler Kampfausrüstung: Mit Helm, Schutzkleidung, bewaffnet mit Schrotflinte und Maschinengewehr und hat dann Molotov-Cocktails oder Granaten über die Friedhofsmauer geworfen.“

Anschlag in Halle: Maler in Dönerladen erschossen

Danach fuhr der Täter zu einem Dönerladen und erschoss dort einen Mann. Ein Bild-Reporter, der sich in einem nahegelegenen Café aufhielt, beschrieb die Szene gegenüber im Blatt so: Gegen 12.30 Uhr sei der Wirt hektisch durch das Lokal gerannt, habe die Gäste aufgefordert sich zu ducken und von den Fenstern fernzuhalten. Dabei rief er demnach: „Draußen ist ein Amokläufer“. 

Nach knapp zehn Minuten des Versteckens verlässt der Reporter das Café - draußen sei bereits alles abgeriegelt gewesen, meint er. Dort spricht er mit einem Mord-Zeugen: Dem Bericht nach war es ein Maler, der mit seinem Kollegen in dem Döner-Imbiss Mittagessen holen wollte. „Der Maler konnte sich in letzter Sekunde hinter einen Kühlschrank retten. Aber sein Kollege stirbt im Imbiss, hingerichtet vom Killer mit dem Stahlhelm“, beschreibt der Reporter der Bild, was ihm der Zeuge berichtet habe.

Halle: Die unglaubliche Flucht des Täters

Unterwegs brauchte der Täter ein neues Auto – und fiel im rund 15 Kilometer entfernten Wiedersdorf, ein. B. suchte ein neues Auto. Elektriker Jens Z. weigerte sich offenbar. B. schoss daraufhin auf ihn und Freundin Dagmar - beide wurden schwer verletzt. Jens Z. wurde sogar am Hals getroffen, ist nach Bild-Infos aber nicht mehr in Lebensgefahr.

Als nächste schnappte sich B. ein nahestehendes Taxi. Mechaniker Kai H. erklärt dem Blatt: „Er ist hereingestürmt, blutete stark am Hals. Er sagte mit vorgehaltener Waffe: ,Gib mir einen Wagen, ich bin ein gesuchter Schwerverbrecher.‘ Dabei hielt er mir eine Pistole vors Gesicht. Und sagte weiter: ,Die da hinten habe ich schon erschossen, gib mir den Schlüssel vom Taxi.‘“

B. fuhr über die A9 davon, an der Anschlussstelle Zeitz fuhr er auf die B91 ab und wurde in einen Unfall mit einem Lastwagen verwickelt. Dann erfolgte die Festnahme.

Mittlerweile hat die Bundesstaatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den Täter Stephan B. erlassen. Er wird noch am Donnerstag dem Haftrichter vorgeführt. Alle aktuellen Nachrichten zu dem Halle-Anschlag lesen Sie in unserem News-Ticker.

rjs

Innenminister Horst Seehofer hat nach dem Anschlag in Halle Computerspiele für mitverantwortlich gemacht und will die Gamer-Szene stärker kontrollieren. Dafür wird er von Rezo und anderen heftig kritisiert.

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