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So abhängig sind wir: 70 Prozent unserer Medikamente enthalten Wirkstoffe aus China

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Von: Christiane Kühl

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Viele Medikamenten-Wirkstoffe wie Ibuprofen oder Paracetamol kommen heute aus China oder Indien. Das macht uns abhängig.

Peking/Delhi/Frankfurt – Chinas Null-Covid-Politik störte die Lieferketten – und trägt damit zur Medikamentenknappheit bei uns bei. Erneut schlagen die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die globalen Lieferketten in Deutschland zu: Pünktlich zum Winter werden bei uns die Medikamente knapp. Und das hat auch damit zu tun, dass die Produktion vor allem von Wirkstoffen für die patentfreien und daher preiswerten Generika in den vergangenen 20 Jahren immer stärker von Europa nach Asien verlagert wurde. Dazu gehören bekannte Stoffe wie Paracetamol und Ibuprofen, aber auch das Breitband-Antibiotikum Amoxicillin. Wurden im Jahr 2000 noch etwa zwei Drittel der generischen Wirkstoffe in Europa produziert und ein Drittel in Asien, hat sich das Verhältnis nach einer Studie der Unternehmens­beratung MundiCare im Auftrag des Branchenverbands Pro Generika heute umgekehrt: Zwei Drittel der Wirkstoffe stammen jetzt aus Ländern wie China oder Indien.

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Medikamente in Deutschland werden knapp – und eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Derzeit liegen 301 Meldungen zu Lieferengpässen vor. Besonders dramatisch ist die Situation bei Fiebersäften für Kinder, Hustenmittel, Blutdruck­senker und Brustkrebsmedikamente.

Die Studie hatte 2020 gut 560 Wirkstoffe untersucht und dabei festgestellt: 93 dieser Wirkstoffe werden nur noch außerhalb Europas hergestellt. Der Grund liegt wie so oft in den Kosten: Generika vermarkten sich vor allem über ihren günstigen Preis, die Konkurrenz ist zudem groß. Für Ibuprofen oder Paracetamol gibt es Dutzende Generika-Produkte. Durch die Abwanderung der Produktion sei allerdings eine massive Abhängigkeit von Asien entstanden, betonte Pro Generika auf Anfrage von IPPEN.MEDIA. „Jüngste Engpässe wie etwa bei Tamoxifen und Fiebersaft gehen vor allem auf den Marktaustritt generischer Hersteller zurück“, so der Verband. Lieferkettenprobleme verschärften zwar das Problem. „Dass aber die aktuell schwierige wirtschaftliche Lage in China ursächlich für die hiesige Knappheit ist, können wir nicht bestätigen.“

Chinas Zentrum der Pharma-Produktion kämpfte mit Transportproblemen

Aufgrund der bedeutenden Rolle Chinas für die gesamte Medikamenten-Lieferkette tragen die dortigen Probleme dennoch zumindest teilweise zu den Engpässen bei. Aus der Globalisierung der Medikamentenproduktion resultierten „dynamische Lieferketten mit unterschiedlichen Fertigungsstätten weltweit“, teilte der Bundesverband der Arzneimittelhersteller auf Anfrage mit. „Wenn es bei einzelnen Anbietern in Asien zu Ausfällen kommt, können in der Tat schnell weltweit Lieferengpässe entstehen.“

Etwa 70 Prozent aller in Europa und Japan produzierten Medikamente enthalten Wirkstoffe aus der Volksrepublik. Ist die Lieferkette unterbrochen oder stockt, dann wird es in auch in Deutschland knapp
Etwa 70 Prozent aller in Europa und Japan produzierten Medikamente enthalten Wirkstoffe aus der Volksrepublik. Ist die Lieferkette unterbrochen oder stockt, dann wird es in auch in Deutschland knapp © Zhang Yuwei/Imago

Chinas Zentrum der Pharma-Produktion ist das Jangste-Delta, das vor allem 2022 infolge des strikten Lockdowns im nahe gelegenen Shanghai von vielen lokalen Transportbeschränkungen betroffen war. Viele Firmen konnten wochenlang nicht produzieren. Und das, was noch für den Export vom Band lief, gelangte vielfach nicht zum Shanghaier Hafen oder blieb dort hängen. Vor dem Containerhafen bildete sich während des Lockdowns der Metropole ein riesiger Schiffsstau.

Medikamenten-Wirkstoffe aus China und Indien am Beispiel Ibuprofen

Die Lage erklärt das Beispiel Ibuprofen: Das Patent für den populären Wirkstoff gegen Fieber, Zahn- oder Rückenschmerzen lief 1986 ab. Seither gibt es Ibuprofen-Generika, der Kostendruck ist hoch. Weltweit produzieren heute nur noch sechs Hersteller Ibuprofen-Generika, davon vier in Asien: Hubei Biocause und Shandong Xinhua in China, Solara und IOLPC in Indien sowie BASF (durch eine Fabrik in Texas) und SI Group in den USA. Diese sechs Firmen also pressen den Wirkstoff Ibuprofen mit geeigneten Hilfsstoffen zu einer Tablette zusammen und verpacken die Pillen dann.

Doch Anfang 2020 tauchten erstmals Probleme auf: Die indische Firma IOLPC frohlockte damals, dass die Weltmarktpreise für Ibuprofen-Präparate – und damit die Margen der Firma – aufgrund des Ausfalls von Hubei Biocause gestiegen seien. Dieses Unternehmen hat seinen Standort in der Anfang 2020 komplett abgeriegelten chinesischen Provinz Hubei – deren Hauptstadt Wuhan ist, wo das Coronavirus Ende 2019 erstmals massiv ausgebrochen war.

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Doch China produziert eben nicht nur die fertigen Ibuprofen-Generika, sondern an vielen Standorten auch den Wirkstoff Ibuprofen, der eben dann in Indien oder den USA zur Pille oder zum Saft wird. Auch die Wirkstoffhersteller und ihr Produkt waren von den Lockdowns betroffen. Deutsche Ärzte warnten daher schon im Juli dieses Jahres vor Lieferengpässen etwa für Ibuprofen-Fiebertabletten und Ibu-Schmerzsäfte für Kinder. „Jetzt rächt sich die Produktionsverlagerung sogenannter unrentabler, aber für bestimmte Patientengruppen wichtiger Arzneimittelspezifikationen ins außereuropäische Ausland“, erklärte damals zum Beispiel der Vorsitzende des Verbandes der Bayerischen Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dominik Ewald.

China mit dominanter Position bei Wirkstoffproduktion

Der Tenor ist der gleiche wie bei Halbleitern oder Seltenen Erden: Hätten wir doch nur zumindest einen Teil der Produktion bei uns behalten! Stattdessen sind nun Indien und China die weltgrößten Produzenten fertiger Generika. Und China produziert nach Angaben des Beratungsunternehmens Daxue Consulting in Peking noch dazu eben rund 40 Prozent der weltweiten Medikamenten-Wirkstoffe. Etwa 70 Prozent aller in Europa und Japan produzierten Medikamente enthalten demnach die Wirkstoffe aus der Volksrepublik. Das Gleiche gilt übrigens für Indien: Das riesige Land fertigt zwar viele Pillen und Säfte, doch dort fehlt die Tiefe der chinesischen Lieferkette. Viele Komponenten muss Indien einführen, vor allem aus China. Auch deshalb liegen die Produktionskosten in Indien 20 Prozent höher als in der Volksrepublik.

Nach einer Studie der Denkfabrik RIS in Delhi von 2021 ist Indien bei einigen wichtigen Wirkstoffen wie Paracetamol, Penicillin, Vitamin B12 und auch Ibuprofen zu 90 bis 100 Prozent von China abhängig. Sprich: Indien produziert zwar die Ibuprofen-Generika für den Weltmarkt. Doch das Ibuprofen selbst – und damit der entscheidende Wirkstoff – kommt fast immer aus China.

China: Strengere Umweltpolitik wird Weltmarktpreise für Wirkstoffe hochtreiben

Die dominante Stellung der Volksrepublik bei den Wirkstoffen sei „vor allem auf die kostengünstigen Produktionsmöglichkeiten in China mit seinen bewährten, großen Produktionsanlagen, vergleichsweise niedrigeren Energiekosten und einer weniger strengen Umweltpolitik“ zurückzuführen, urteilt Daxue Consulting. Peking ist allerdings bereits dabei, die Umweltauflagen für den Sektor zu erhöhen. Die starke Umweltverschmutzung durch die Produktion von Wirkstoffen und ihre chemischen Komponenten war ein Grund, warum Europa diesen Sektor gerne nach Asien abgab. Die japanische Zeitung Nikkei Asia zitierte eine Untersuchung der Unternehmensberatung PwC in Frankreich, laut der jeder Produktionsschritt der Wirkstoffherstellung auf potenziell umweltschädliche Technologien angewiesen ist. Ein sachgemäßer Umgang mit den dabei entstehenden gefährlichen Abfällen und die Gewährleistung der Sicherheit seien demnach für Unternehmen kostspielig.

Und so treibt Chinas Umweltpolitik in dem Sektor die Kosten für die weltweite Medikamentenproduktion hoch. Ein Beispiel: Als das Unternehmen Anhui Bayi Chemical, das Nitrochlorbenzol herstellte – ein wichtiges Vorprodukt des Schmerzmittel-Wirkstoffs Paracetamol – seine Anlage Ende 2020 aufgrund von Umweltbedenken schließen musste, führte dies laut Nikkei Asia zu einem drastischen Preisanstieg bei Paracetamol.

Von den USA und der Europäischen Union bis hin zu Indien und Japan suchen die Regierungen also nun zunehmend nach Möglichkeiten, eine größere Unabhängigkeit in der Lieferkette zu gewährleisten, etwa durch die Rückholung von Produktionen. Doch das wird länger dauern als der bevorstehende Winter. Mitarbeit: Max Müller

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