Kandidieren als Team

Neue SPD-Spitze: Überraschendes Duo bewirbt sich um Partei-Vorsitz

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Die kommissarische SPD-Spitze: Thorsten Schäfer-Gümbel, Manuela Schwesig und Malu Dreyer
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Nach Khalil Bawar, Christina Kampmann, Michael Roth bewerben sich nun auch Karl Lauterbach und Nina Scheer um den SPD-Parteivorsitz.

Update vom 12. Juli 2019: SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach und die Umweltpolitikerin Nina Scheer wollen als Team für den Parteivorsitz kandidieren. Ihre Bewerbung kündigten sie nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur am Freitag an. Es gehe ihnen um eine Politik, die Ungleichheiten vermindere, die natürlichen Lebensgrundlagen schütze und unverwässert sozialdemokratisch sei.

Lauterbach und Scheer sind das zweite Bewerberduo, zuvor hatten Europa-Staatsminister Michael Roth und die ehemalige nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann ihre Kandidatur angekündigt. Auch der 35-jährige Unternehmensberater Khalil Bawar hatte sich schon beworben.

Kandidaten für die Nachfolge der zurückgetretenen Parteichefin Andrea Nahles haben bis zum 1. September Zeit, ihren Hut in den Ring zu werfen. Der Vorsitz soll nach einer Mitgliederbefragung auf einem Parteitag Anfang Dezember besetzt werden.

Erstmeldung vom 27. Juni: SPD-Vorsitz: Erster Bewerber stellt sich der Öffentlichkeit

Berlin - Die Last des Parteivorsitzenden der SPD soll künftig nicht mehr nur auf zwei Schultern lasten. Die Sozialdemokraten haben sich bereits darauf geeinigt, dass künftig eine Spitze aus mehreren Personen die Partei führen soll. Bereits jetzt sind kommissarisch Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel in dieser Funktion im Amt. Einer, der sich als ein Nachfolger des Trios sieht, ist der 35-jährige Khalil Bawar. Selbstbewusst bezeichnet er sich auf seinem Twitter-Auftritt als „Co-Vorsitzender der SPD Deutschland in spe“.

Bawar ist seit 18 Jahren Mitglied der Partei. Nachdem er bislang mehrere Ämter bei den Jusos und der SPD bekleidet hat, möchte er nun in die erste Reihe nach vorne preschen. Mit dem Focus sprach er über die Motivation für seine Bewerbung. „Ich beobachte seit Jahren, wie wir einen Vorsitzenden nach dem anderen verschleißen – und dann wieder auf die gleiche Art und Weise wählen. Dann loben sie ihn in den ersten paar Tagen in den Himmel. Und nach einer Weile fangen sie an, ihm das Leben wieder zur Hölle zu machen“, sagte er dem Blatt. Er sieht es als eine Wiederholung, aus der die Partei keine Schlüsse ziehen würde. Denn: „Immer wieder den gleichen Fehler zu machen – und dann ein anderes Ergebnis zu erwarten. Das ist meiner Meinung nach Wahnsinn.“

SPD-Vorsitz: Bawar besinnt sich auf Kernkompetenz der SPD

Khalil Bawar sieht sich künftig als Co-Vorsitzender SPD

Bawar will seine Partei neu strukturieren. Entscheidungsprozesse sollen schneller ablaufen. Auch eine neue Fehlerkultur möchte er einführen. „Es geht nicht darum einmal ein paar Anpassungen vorzunehmen. Wir müssen die SPD grundsätzlich neu aufstellen.“ Die Ansätze sind zum Teil radikal: Die Agentur für Arbeit soll zur Agentur für Kreativität werden. Der Grund: Das klassische Modell des Arbeitnehmers sieht er als überholt an. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen habe die Partei eine einmalige Chance, eine Arbeitswelt zu erschaffen, die die Menschen nicht mehr kaputtmache, sagt er. Damit stützt er sich auf die Kernkompetenz der SPD, das Thema Arbeit.

Sein Lebenslauf zeigt, dass der Mensch heute nicht mehr an einen Beruf verhaftet ist. Bawar hat Lehramt studiert. Danach wechselte er in eine Unternehmensberatung. Wenige Jahre später leistet er doch noch sein Referendariat ab, könnte nun als Lehrer arbeiten. Aber das tut er nicht. Der Hamburger geht in die Schweiz und leitet dort das Innovationslabor der Schweizerischen Post.

SPD-Vorsitz: Bawar kritisiert Schulsystem

Warum er nicht als Lehrer arbeitet, erklärt er dem Focus so: „Ich habe nicht verstanden, warum manche Dinge trotz wissenschaftlicher Beweise nicht anders gemacht werden. Zum Beispiel der frühe Schulbeginn oder die zeitliche Aufteilung der Unterrichtsfächer.“

Zweimal hat er bereits für die Hamburger Bürgerschaft kandidiert. Der Einzug ins Landesparlament ist ihm allerdings nicht gelungen. Nun ist er derjenige, der das schwierige Amt des Parteivorsitzenden übernehmen könnte. Außer ihm ist noch niemand nach vorne getreten und hat seine Bereitschaft gezeigt. Nicht das kommissarische Führungstrio und auch kein Bundesminister à la Olaf Sholz (Finanzen) oder Franziska Giffey (Familie).

SPD-Vorsitz: Bawar steht in den Startlöchern 

Was qualifiziert ihn dazu, die Nachfolge von Andrea Nahles anzutreten? „Ich weiß, was diese Gesellschaft, was die Welt und die SPD braucht“, sagte er dem Focus. Vielleicht hilft ihm dabei auch weiter, dass er in der Pole-Position steht. „Momentan bin ich der einzige, der klar gesagt hat: Ja, ich will“, sagt er.

Bereitschaft zu zeigen ist das eine. Das Amt bekleiden zu dürfen eine andere. Denn bevor der Parteitag im Dezember entscheidet, muss sich zunächst ein Landesverband, ein Bezirk oder fünf Unterbezirke hinter den Kandidaten stellen. Dazwischen werden noch die Mitglieder gefragt. Es scheint ein steiniger Weg zu sein, den ein Newcomer beschreiten muss.

dg/dpa

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