Umstrittener Doha-Aufenthalt

Bayern-Trainingslager in Katar: Die Krux mit der Doppelmoral

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Die Bayern in Katar: Trainingslager in der Wüste.
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München - Der FC Bayern bereitet sich gerade zum siebten Mal im umstrittenen Wüsten-Emirat Katar auf die Rückrunde vor. Das stört viele. Zurecht?

Ist es verwerflich, dass die Verantwortlichen eines Fußballvereins den Ort für ihr Trainingslager auswählen, der ihnen am passendsten erscheint? Diese Frage wabert seit nunmehr sieben Jahren um den FC Bayern. Kritiker unterstellen dem Rekordmeister Doppelmoral. Der Grund: Die Bayern stehen für das Fußball-Gute, beteiligen sich nicht am Transfer-Irrsinn der Klubs aus China, England und Spanien, kämpfen gegen Rassismus und unterstützen klamme Amateurvereine genauso wie Wohltätigkeitsorganisationen.

Amnesty fordert zum Handeln auf

Auf der anderen Seite reisen sie Jahr für Jahr nach Katar ins Trainingslager. In ein Land, in dem Menschenrechte vielerorts mit Füßen getreten werden. „Wir können und wollen niemandem verbieten, ein Trainingslager in den Golfstaaten abzuhalten“, sagt Regina Spöttl, Katar-Expertin bei Amnesty International, im Gespräch mit unserer Onlineredaktion. „Wir hoffen aber, dass die Vereine sich vorab über die Bedingungen vor Ort informieren." 

Großer Kritikpunkt an Katar: Für den Bau der Prunk-Stadien für die WM 2022 - aber auch für das Aspire-Gelände - auf dem der FC Bayern residiert - wurden und werden Gastarbeiter aus Nepal, Bangladesch und Indien eingesetzt. Sie werden von Vermittlern in ihren meist armen Heimatländern angelockt, verschulden sich für die Chance auf ein besseres Leben in Katar - und werden dort bitter enttäuscht. Viele hausen in Baracken, schuften viele Stunden täglich auf den Stadion-Baustellen und sind ihren Arbeitgebern oft hilflos ausgeliefert. Grund dafür ist das Sponsoring-System (“Kafala“). Es besagt, dass Ausländer in Katar nur arbeiten dürfen, wenn sie einen Sponsor haben. Dieser Sponsor kann ihnen die Ausweisdokumente abnehmen - und sie an Jobwechsel und Ausreise hindern. Menschenrechtsorganisationen verurteilen dieses System. „Wir fordern die gründliche Überarbeitung, besser noch die Abschaffung, des Sponsorensystems“, sagt Regina Spöttl.

Rummenigge sieht Verbesserung

Die Bayern kommentierten ihre Partnerschaft mit Katar lange nicht. Erst im Dezember 2015 äußerte sich Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge öffentlich zur Thematik. Ein Trainingslager sei "keine politische Äußerung"; niemand solle "Dinge vermischen, die nicht zusammengehören", sagte er der Sport Bild damals. Teil der Wahrheit ist nämlich auch: Der Verein hat einen millionenschweren Sponsoring-Vertrag mit dem Hamad International Flughafen von Doha. Regina Spöttl nimmt den Rekordmeister in die Pflicht: "Deutsche Fußballvereine, die in die Golfstaaten reisen, sind Botschafter unseres Landes“, sagt sie. „Sie sollten sich dafür einsetzen, dass sich die Situation der Menschenrechte in den Gastgeberländern verbessert." Karl-Heinz Rummenigge beteuert, dass der Rekordmeister genau das tut. Über die Situation in Katar informiere sich der FC Bayern bei Nicht-Regierungs-Organisationen und Vertretern der Politik, sagte er dem Sport-Informationsdienst. Sein Eindruck sei, "dass sich etwas bewegt in diesem Land, auch hinsichtlich der Bedingungen für Gastarbeiter", seit die Weltöffentlichkeit auf Katar blicke.

Erste Verbesserungen - aber Zwangsarbeit

Die Bayern haben die Zeichen der Zeit erkannt und verstanden, dass sie ihre Ausflüge nach Katar erklären müssen. Der Verein ist nämlich längst kein bloßer Fußballverein mehr, sondern eine international bekannte Marke - und irgendwie auch ein Vorbild. Dieser Funktion sind sich die Verantwortlichen wohl bewusst. Denn: Katar-Experin Spöttl gibt Rummenigge teilweise Recht: „Es stimmt, dass sich seit einigen Jahren etwas tut und sich einzelne Bereiche für die Arbeitsmigranten in Katar verbessern“, sagt sie. „Insgesamt sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen aber immer noch schlecht, die Situation der Gastarbeiter grenzt häufig an Zwangsarbeit.“ 

Lob oder Kritik gerechtfertigt?

Fakt ist, dass die Bayern-Verantwortlichen nah dran sind an den Entscheidern im Emirat. Inwieweit sie diese Beziehungen einsetzen, um zu helfen, ist schwer zu beurteilen. Auch, weil über die von Rummenigge angesprochenen Gespräche zwischen dem Verein und Nicht-Regierungsorganisationen kaum etwas bekannt ist. "Die Reise des FC Bayern nach Katar bringt das Thema wieder auf die Agenda. Das ist gut“, sagt Spöttl. „Wir hoffen, dass der Verein auch seinen Einfluss zur Verbesserung der Situation im Land geltend macht." Doppelmoral oder nicht - der FC Bayern ist ein Wirtschaftsunternehmen und kann frei entscheiden, mit welchen Partnern er zusammenarbeitet. Ob ihm für seine Katar-Ausflüge Lob oder Kritik zusteht, ist schwer zu beurteilen. Wahrscheinlich beides ein bisschen.

Die Bayern im Trainingslager in Katar: Wir sind für Sie vor Ort - mit unserem Live-Ticker verpassen Sie nichts.

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