14 Tote bei Absturz

Seilbahn-Unglück in Italien: Unternehmenssprecher mit neuen Details - Bruder berichtet von tragischem Moment

Die Trauer nach dem tragischen Seilbahn-Unglück ist groß. Ein Bruder wartete vergebens auf seine Schwester. Nur ein kleiner Junge überlebte die Tragödie. Der News-Ticker.

  • Bei einem Seilbahn-Absturz am Lago Maggiore in Italien* sind 14 Menschen ums Leben gekommen.
  • Bis auf einen kleinen Jungen (5) hat niemand den Absturz der Seilbahn überlebt.
  • Nach dem Unglück am Pfingstsonntag (23. Mai) gab es mehrere Verhaftungen. Die Notbremse der Bahn soll manipuliert worden sein, um den weiteren Betrieb zu gewährleisten.

Update vom 28. Mai, 15.24 Uhr: Wieso hat die Notbremse an der Seilbahn nicht gegriffen? Die Ermittlungen der italienischen Behörden laufen auf Hochtouren. Luigi Nerini, Chef des Bergbahn-Unternehmens, sitzt aktuell in Untersuchungshaft. Jetzt stellt die Service-Firma Leitner der Staatsanwaltschaft alle Wartungsunterlagen zur Verfügung.

Vorwürfen, unzureichende Wartung sei die Ursache für das Gondel-Unglück, stellt sich die Firma Leitner entschlossen entgegen. „Die umfangreiche Dokumentation über die Instandhaltungsarbeiten von Leitner an der Seilbahn Stresa-Mottarone bestätigt, dass unsere Arbeiten stets mit Sorgfalt und mit Bedacht auf die Sicherheit ausgeführt wurden“, sagt ein Unternehmenssprecher der Bild.

Stresa-Mottarone: Häufige Wartungsarbeiten an Unglücks-Seilbahn - letzter Service einen Tag vor Unfall

Wartungsarbeiten kamen an der Seilbahn auch in großer Regelmäßigkeit vor. Die Auflistung der Leitner AG zeigt fünf Einsätze, allein in diesem Jahr. Laut Firmenangaben wurde noch Ende April die Hydraulikzentrale der Fahrzeugbremsen überprüft und der Druckspeicher geladen. Auffälligkeiten gab es da keine, bestätigt der Sprecher. Eine weitere Anfrage habe es vom Betreiber seitdem diesbezüglich nicht mehr gegeben.

Probleme mit dem Bremssystem gab es also zumindest offiziell keine. Doch nur einen Tag vor dem verheerenden Unfall ging eine weitere Serviceanfrage ein. Das Betreiberunternehmen „Ferrovie del Mottarone“ meldete eine Abnutzung der Gummirollen an einer Stütze.

„Dieser Einsatz, der nicht in Zusammenhang mit der Tragseilbremse steht, bestand darin, eine der vielen Seilrollen der Stützen auszutauschen“, erklärt der Leitner-Sprecher der Bild, „obwohl diese Anfrage nicht dringend war, wurde der Einsatz noch am selben Tag erledigt.“

Seilbahn-Unglück in Italien: Zugseil gerissen - Notbremse der Gondel löste nicht aus

Keine 24 Stunden später riss das Zugseil. Wie wa.de berichtet, führt hier übrigens eine Spur nach Deutschland*. Warum es zerriss, ist bislang ungeklärt und wohl auch nicht der maßgebliche Teil der Untersuchungen.

Die entscheidende Frage: Warum ist die Gondel ungebremst in die Tiefe gerast? In ersten Vernehmungen sollen Verantwortliche gestanden haben, dass das Bremssystem mithilfe einer Metallgabel blockiert wurde. Eine Klammer wurde auch am Unfallort gefunden. Offenbar hatte das System zuvor häufiger zu Komplikationen geführt. Seit dem 26. April sei die Gondel immer wieder stehen geblieben, ohne dass ein Grund dafür ausgemacht werden konnte, berichtet die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf italienische Polizeimeldungen. Wurde die Bremse deaktiviert, damit der Betrieb reibungslos abläuft?

Verdacht auf Manipulation der Bremsen: „Schwerwiegende Straftat“ - Service-Firma tritt als Nebenkläger auf

Als „schwerwiegende Straftat“ bezeichnet Leitner-Vorstand Anton Seeber eine solche Manipulation. Ob sie tatsächlich stattgefunden hat, werden die weiteren polizeilichen Untersuchungen feststellen. Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, kommen massive Strafen auf die Verantwortlichen der Betreiberfirma zu.

Serviceunternehmen Leitner unternimmt nun ebenfalls Schritte. „Um die Reputation unseres Unternehmens, unserer Mitarbeiter und der gesamtem Branche zu wahren, haben wir beschlossen, im Rahmen dieses Verfahrens uns als Nebenkläger einzubringen“, verspricht Seeber, „ein eventueller Schadensersatz wird jedenfalls den Familien der Opfer dieser Tragödie zukommen.“

Seilbahn-Unglück in Italien: Tragische Geschichte von Luca - seine Schwester Silvia kam nie an

Update vom 28. Mai, 12.20 Uhr: Auf dem Weg von Stresa am Lago Maggiore hinauf zum Monte Mottarone (1.300 Meter) riss kurz vor der Bergstation aus bisher ungeklärter Ursache das Zugseil. Dann raste die Gondel in die Tiefe, überschlug sich und zerschellte. 14 Menschen starben bei dem Unglück am Pfingstmontag.

Unter den Opfern war auch Silvia (✝27). Die junge Frau wurde nach dem Absturz als eines der ersten Opfer identifiziert. Mit ihrem Freund Alessandro stieg sie in die Seilbahn. Ihr Bruder Luca wartete an der Abfahrtsstation auf die beiden. Sie wollten gemeinsam ihren Abschluss feiern. Dass die beiden nie ankommen werden, konnte er nicht ahnen, wie das italienische Nachrichtenportal ilgiornale.it berichtet. Ein Anruf seiner Mutter machte ihn auf den Absturz der Gondel aufmerksam. Als sie von dem Unglück hörte, rief sie ihn sofort an. „Mama konnte spüren, dass etwas passiert war“, erzählt Luca. Dann folgte für ihn und seine Familie bald die traurige Gewissheit. Silvia und Alessandro zählen zu den 14 Todesopfern.

„Sie war gut, meine Schwester, ja, ich weiß, sie war sehr gut. Aber was macht das alles aus? Sie ist weg, sie ist weg. Und ich wünschte, ich wäre mit ihr gestorben“, sagte ihr Bruder Luca unter Tränen. Nur ein kleiner Junge überlebte das Seilbahnunglück.

Der Fünfjährige hatte jedoch seine Eltern und seinen Bruder verloren und war selbst schwer verletzt worden. Sein Zustand ist weiter ernst. Doch der Junge sei auf der Intensivstation inzwischen „wach und bei Bewusstsein“, teilte das Kinderkrankenhaus in Turin mit. Der kleine Eitan habe auch schon mit seiner Tante gesprochen.

Seilbahn-Unglück in Italien: Überlebender Junge (5) aufgewacht

Erstmeldung vom 27. Mai 2021

Turin - Das Seilbahn-Unglück in Italien nahe des Lago Maggiore beschäftigt weiterhin die Ermittler. Drei Männer wurden festgenommen. Sie sollen die Notbremse manipuliert haben, um so den weiteren Betrieb der Bahn zu gewährleisten. Daneben ist aber weiter völlig offen, warum das Trageseil reißen konnte.

Unterdessen ist offenbar der einzige Überlebende der Tragödie aufgewacht. Der fünfjährige Junge lag seit dem Unglück im Krankenhaus in Turin, wie die italienische Zeitung La Stampa berichtet. Er sei nun auf der Intensivstation aufgewacht und habe mit seiner Tante gesprochen. Die Zeitung bezieht sich dabei auf Angaben der Stadt Turin. Der Junge erlitt demnach bei dem Sturz ein Brust- und Abdominaltrauma und brach sich mehrere Extremitäten. Er soll jedoch schon in den nächsten Tagen die Intensivstation verlassen können und auf einer anderen Station weiter behandelt werden.

Den drei nach dem Seilbahnunglück in Norditalien festgenommenen Männern drohen nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft von Verbania im Falle einer nachgewiesenen Schuld „allerhöchste“ Strafen. Es bestehe auch Fluchtgefahr, heißt es in dem Haftbefehl gegen die drei, aus dem italienische Medien am Donnerstag zitierten. Ein „gedankenloses Verhalten“ habe zum Tod von 14 Menschen und zu schwersten Verletzungen eines Fünfjährigen geführt, hieß es weiter. Der Chef der Seilbahngesellschaft und zwei weitere leitende Mitarbeiter waren in der Nacht zum Mittwoch festgenommen worden.

Rettungshelfer arbeiten am Wrack einer Seilbahn, die in der Nähe des Gipfels der Stresa-Mottarone-Linie in der Region Piemont, Norditalien, abstürzt war.

Seilbahn-Unglück in Italien: Polizei findet Datenschreiber der Bahn - „Schwarze Kiste“ soll neue Details bringen

Die Seilbahn war am Pfingstsonntag auf dem Weg von Stresa am Lago Maggiore hinauf zum Monte Mottarone verunglückt. Nach bisherigem Ermittlungsstand riss kurz vor der Ankunft an der gut 1300 Meter über dem Meer gelegenen Bergstation aus bisher unbekannter Ursache das Zugseil. In dem Fall hätte ein Notbremse greifen müssen, was nicht geschah. Die Gondel raste mit hoher Geschwindigkeit in die Tiefe, überschlug sich und zerschellte schließlich.

Nun besteht der Verdacht, dass die Notbremse mit einer als „forchetta“ (Gabel) bekannten Vorrichtung außer Kraft gesetzt worden war, weil es zuvor Unregelmäßigkeiten im Lauf der Bahn gegeben habe. Ein Motiv für die Manipulation könnte laut Medien gewesen sein, dass die Betreiber nach der langen Corona-Zwangspause die Seilbahn um jeden Preis am Laufen halten wollten.

Der Carabinieri-Kommandant Luca Geminale sagte am Donnerstag laut Nachrichtenagentur Ansa, dass der Datenschreiber der Seilbahn, die sogenannte „Schwarze Kiste“, sichergestellt worden sei. Es handele sich um eine Vorrichtung, die alle technischen Aspekte wie Geschwindigkeit, Lauf und Schwanken der Gondel aufzeichne.

Im italienischen Abgeordnetenhaus äußerte sich am Donnerstag Infrastrukturminister Enrico Giovannini zu dem Unglück. Er betonte unter anderem, dass bei italienischen Seilbahnen im Falle eines Druckverlustes oder eines Risses des Zugkabels automatisch eine Notbremse greife. Der Direktor einer solche Anlage sei für deren Sicherheit verantwortlich, sagte er. (dpa/rjs) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Antonio Calanni/dpa

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