Pandemie

Klagewelle wegen Corona-Lockdown: Immer mehr Einzelhändler ziehen vor Gericht

Angesichts der monatelangen Schließung wegen der Corona-Pandemie ziehen viele Händlern jetzt vor Gericht.
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Geschlossen wegen Lockdown: Angesichts der monatelangen Schließung wegen der Corona-Pandemie ziehen viele Händlern jetzt vor Gericht.
  • Thomas Schmidtutz
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Im Einzelhandel wächst wegen des monatelangen Lockdowns die Verzweiflung. Immer mehr Unternehmen wollen die Lage nicht mehr klaglos hinnehmen – und ziehen vor Gericht.

  • Das Stuttgarter Modehaus Breuninger gehört mit elf Filialen und 5500 Mitarbeitern zu den größten Modehäusern in Deutschland.
  • Um Mitarbeiter und Kunden vor Corona zu schützen, hat das Unternehmen massiv in Hygiene- und Sicherheitskonzepte investiert.
  • Doch wegen des Lockdowns bleiben die Geschäfte dicht. Jetzt zieht das Unternehmen vor Gericht.
  • Auch bei anderen Unternehmen ist die Verzweiflung groß. Immer mehr Händler klagen.

Stuttgart - Beim Stuttgarter Modehändler Breuninger sind sie wegen des erneuten Lockdowns stinksauer. Bundesweit betreibt das Unternehmen elf Bekleidungsgeschäfte sowie einen Online-Store. Doch wegen des Corona*-Lockdowns sind die Läden in Stuttgart, Nürnberg, Frankfurt oder Leipzig seit Wochen dicht. Die Lage, resümiert Konzernsprecher Christian Witt am Freitag gegenüber Merkur.de*, ist „für den gesamten deutschen Einzelhandel eine Katastrophe“.

Alleine für das vergangene Jahr hat das Modehaus im stationären Handel nach eigenen Angaben ein „Umsatzminus im dreistelligen Millionenbereich“ zu verkraften. Zwar zogen die Erlöse im Webstore ebenfalls im dreistelligen Millionenbereich an. Doch unter dem Strich bleibt „ein dickes Umsatz-Minus“.

Corona-Lockdown: Breuninger klagt in sechs Bundesländern

Jetzt gehen die Schwaben auf die Barrikaden. In sechs Bundesländern hat das Branchenschwergewicht mit seinen 5.500 Mitarbeitern Eilanträge auf Wiedereröffnung gestellt. In Baden-Württemberg und Bayern sind die Eilanträge zunächst abgewiesen worden. Ein mögliches Hauptsacheverfahren steht aber noch aus. In den Verfahren in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Sachsen könnten die Verwaltungsgerichte bereits nächste Woche eine erste Einschätzung geben.

Die geltenden Beschränkungen, heißt es bei Breuninger, seien „tiefe Eingriffe in Eigentumsrechte und die Berufsfreiheit“. Man habe hunderttausende Euro in Hygienestandards und ein ausgeklügeltes Ampelsystem für den Gesundheitsschutz investiert. In Vorlockdown-Zeiten reichten Mitarbeiter am Eingang Masken an. Kreuzungswege sind markiert und die Reinigungsmannschaft zieht auch öfter als sonst üblich ihre Runden. Doch gegen den Lockdown hilft auch das bislang nichts.

Ampel-Steuerung: Das Modehaus Breuninger hatte mehrere hunderttausend Euro für in den Corona-Schutz für Mitarbeiter und Verbraucher investiert.

Corona-Lockdown: Auch andere Modehäuser ziehen vor den Kadi

Mit dem Gang vor den Kadi steht Breuninger nicht allein. Bundesweit macht die krisengeschüttelte Branche juristisch mobil. Auch das Familienunternehmen Riani aus dem schwäbischen Schorndorf zieht vor den Kadi. Man klage „auf Gleichstellung mit den Friseurbetrieben“, die ja öffnen dürften, sagte die Tochter der Unternehmensgründer Martina und Jürgen Buckenmaier dem Handelsblatt. Man könne die Entscheidung der Regierungen „nicht mehr nachvollziehen“.

Riani hat mächtige Fürsprecher. Gut 150 Modeunternehmen, darunter Branchengrößen wie Gerry Weber, Seidensticker oder die Mannheimer Modegröße Engelhorn unterstützen die Initiative.

Corona-Lockdown: Handelsverband zeigt Verständnis für Unmut

Auch der Handelsverband HDE zeigt Verständnis für das Vorgehen. „Als HDE drängen wir auf eine zügige Wiedereröffnung der Geschäfte und haben großes Verständnis für diese Klagen, die wir selbstverständlich im Rahmen unserer juristischen Dienstleistungen, auch durch unsere Handelsverbände vor Ort, unterstützen“, erklärte ein Verbandssprecher am Freitagabend auf Anfrage.

In der Branche ist die Stimmung explosiv. Vielen Händler steht schon jetzt das Wasser bis zum Hals. Mit jedem Lockdown-Tag spitzt sich die Lage weiter zu. Dazu kommen praktisch Probleme. Viele Händler ohne eigenen Online-Shop hätten ihre Winterware bislang kaum verkaufen können. Teilweise, heißt es aus der Branche, hätten Händler die neue Frühjahresware gar nicht unterbringen können, weil die Läger „noch voll mit Winter-Bekleidung“ seien.

Breuninger: „Notfalls auch durch weitere Instanzen“

Bei Breuninger will man die Zwangsschließungen nicht länger klaglos hinnehmen. „Wir wollen endlich eine klare Öffnungsperspektive, damit wir planen können“, fordert Konzernsprecher Witt. Man werde für sich und die Branche kämpfen – „notfalls auch durch weitere Instanzen“. *Merkur.de ist Teil des Ippen Digital Redaktionsnetzwerks.

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